Blogs | Fuelling Innovations | Unipetrol a.s. | Tschechische Republik

Demographie, Klima und Umwelt entscheiden über die Zukunft der petrochemischen Industrie

Das Jahrestreffen der Europäischen petrochemischen Assoziation EPCA[1] ist das größte Ereignis in Europa für die globale Gemeinschaft der petrochemischen Unternehmen. In der Regel versammeln sich hierbei mehr als 2 500 Marktleader und Denker. Die Verbindung der Visionen und Managementerfahrungen setzt Entwicklungsrichtungen der Branche und Bedingungen deren positiven Einflusses auf die Welt fest. Dieses Jahr bekämpft die Welt die Coronavirus Pandemie, die die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Tätigkeiten beherrschte und es sieht danach aus, dass sie ebenfalls den Rahmen der neuen Wirklichkeit diktiert.

Demografie, klima a životní prostředí rozhodují o budoucnosti petrochemického průmyslu

EPCA hat sich entschieden, die Grenzen dieser neuen Realität zu überschreiten und sich vorzustellen, was für einen Beitrag die petrochemische Industrie für den „Aufbau der Welt nach der Pandemie, die sich im geschlossenen Zyklus, weiser, ohne Unterschiede entwickeln wird“ leisten kann. So lautet das Thema des diesjährigen, 54. Jahrgangs, der in den Tagen vom 5. - 7. Oktober, zum ersten Mal virtuell, stattfindet.

Bei dieser Gelegenheit hat die Plattform der professionellen Wissenschaft Chemical Week, die IHS Markit angehört, gemeinsam mit EPCA die spezielle digitale Ausgabe unter der Bezeichnung „Beyond the New Normal“ vorbereitet. Sie enthält Interviews mit Repräsentanten der europäischen petrochemischen Industrie, die verantwortungsbewusst die Zukunft vorantreiben. Es lohnt sich, sich mit ihr vertraut zu machen. In dieser Debatte fehlt auch unsere Stimme nicht, um so mehr, als wir zurzeit eins der größten petrochemischen Entwicklungsprojekte Europas realisieren. Das Interview „Demographie, Klima und Umwelt entscheiden über die Zukunft der petrochemischen Industrie“, das ich im Namen des Konzerns gegeben habe, befindet sich auf den Seiten 18 und 19. Nachstehend finden Sie die Übersetzung. Das Interview wurde vor der Verkündung unseres Ziels, bis zum Jahr 2050 Emissionsneutralität netto zu erreichen, aufgenommen.
______________________________________________________
 

ADAM CZYŻEWSKI
„Die Integration der Produktion ist der grundlegende Faktor, der es möglich macht, die Krise zu überleben.“

„Die COVID-19 Pandemie wurde für die europäischen Produzenten aus dem Petrochemiebereich zu einer gigantischen Herausforderung und die nächste Zukunft ist nach wie vor gewissermaßen unsicher. Dessen ungeachtet sind sowohl die Grundlagen der Branche, als auch deren Haupttrends konstant, insbesondere was es die Frage der nachhaltigen Entwicklung bzw. den Umweltschutz betrifft,“ sagt Dr. Adam Czyżewski, der Chefökonom von PKN ORLEN ((Płock).

„Die Zukunft der petrochemischen Industrie stellen globale Megatrends dar, von denen die wichtigsten die Demographie, Klimaänderungen und die Umwelt betreffen,“ sagt Dr. Czyżewski. „Die COVID-19 Pandemie hat diese Trends nicht verändert und wird auch die Zukunft der petrochemischen Industrie nicht verändern. Die Menschen brauchen nachhaltig produzierte Materialien. Forschungen bezüglich des Einflusses auf die Umwelt und das Klima zeigen, dass die von der petrochemischen Industrie produzierten Materialien anderen überlegen sind, jedoch unter einer, allgemein gültigen, Bedingung: das Material wird nach dem Gebrauch nicht in den Abfallkorb geworfen, sondern als Sekundärstoff für die Produktion verwertet. 

Die Krise hatte einen Einbruch der Nachfrage nach petrochemischen Materialien und deren Derivaten zur Folge. Das Ausmaß dieses Effekts war jedoch nicht in allen Branchen der Endabnehmer gleich,“ führt Dr. Czyżewski an.

„Die petrochemischen Rohstoffe sind so verbreitet, dass es keine Branche gibt, in der sie bei der Produktion nicht genutzt wären,“ sagt er „Der Umfang der petrochemischen Produktion kopiert daher in kurzer Zeit das BIP. Der durch die COVID-19 Pandemie verursachte Rückgang der Nachfrage hat die ganze Wirtschaft nicht gleichmäßig betroffen. Am meisten leidet der Verkehr, was an der Situation in der Automobil- und Luftfahrtindustrie zu sehen ist.

Bald wurde es beim Rückgang des Verbrauchs petrochemischer Produkte bemerkbar, den am meisten die eng spezialisierten Produktionswerke zu spüren bekamen, es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis es auf den Gesamtmarkt niederschlägt,“ sagt Adam Czyżewski.  „Der große durch COVID-19 verursachte Rückgang der Nachfrage ist nicht dauerhaft, da es sich in den meisten Fällen um aufgeschobene, nicht verloren gegangene Nachfrage handelt. Die Unternehmen und Verbraucher haben nicht ein für allemal auf den Einkauf von Automobilen oder auf Flugzeugreisen verzichtet. Sie werden wieder beginnen, diese zu kaufen und zu fliegen und der Zeitraum der kumulierten aufgeschobenen Nachfrage wird den Rückkehr der Konjunktur für die petrochemischen Gesellschaften zur Folge haben.

Aber bis es so weit ist, kann die schwierige Situation, mit der wir uns auseinandersetzen, Veränderungen der Struktur der europäischen petrochemischen Branche als Folge der Veräußerungen und Fusionen der Firmen verursachen.

„Bevor es zu einer Belebung der Nachfrage kommt, können sich einige petrochemische Gesellschaften, die mit finanziellen Problemen kämpfen, entscheiden, einen Teil ihrer Aktiven zu verkaufen. Firmen in einer besseren Situation werden vor allem deswegen bereit sein, sie zu kaufen, da eine Folge der aufgeschobenen Nachfrage die Aufschiebung von Investitionen ist, was zu einem vorübergehenden Ausfall des Angebots und Erhöhung der Produktionskapazitäten führt,“ betont Adam Czyżewski. „Es gibt also zwei mögliche Reaktionen auf die mit COVID verbundene Änderung der Nachfrage. Einige Gesellschaften werden sich um die Diversifikation des Produktionsportfolios und somit auch des Risikos bemühen. Andere werden sich nur auf ihre Basisaktivitäten konzentrieren und ihre finanzielle Situation mittels Desinvestitionen stärken. Ohne Rücksicht auf den gewählten Weg, ist der grundlegende Faktor, der das Überleben der Krise ermöglicht, die Integration der Produktion.

Die petrochemische Branche ist eine zyklische Branche, obwohl diese Industrie im Schnitt schneller, als der Rest der Wirtschaft wächst. Die Gesellschaften können ihre Empfindlichkeit auf den Konjunkturzyklus durch das Anpassen ihres Sortiments den sich verändernden Bedürfnissen des Markts reduzieren,“ sagt Dr. Czyżewski. „Langfristig wächst der Verbrauch der petrochemischen Erzeugnisse schneller, als das BIP, denn sie ersetzen dank ihren Eigenschaften andere Materialien,“ fügt er hinzu. „Wirtschaftszyklen lassen sich nicht eliminieren und die Betriebsdauer der petrochemischen Installationen wird in Jahrzehnten gerechnet. Sie lassen sich nicht dem Konjunkturzyklus anpassen. Möglich und sogar notwendig ist es, das Angebot der Endprodukte den Bedürfnissen der Abnehmer anzupassen.

Die Gesellschaften können Verbesserungen in der ganzen petrochemischen Kette einführen, Entfernungen zum Endabnehmer verkürzen und die Flexibilität und den Anwendungsbereich ihrer Produkte u. a. durch deren Verwertung erhöhen,“ sagt Adam Czyżewski. „Die petrochemische Industrie beginnt langsam nach dem Model ‚Produkt als Dienstleistung‘ und ‚Material als Dienstleistung‘ zu funktionieren. Das hat eine grundsätzliche Bedeutung aus Sicht der Kontrolle der petrochemischen Produkte innerhalb der ganzen Produktionskette und es handelt sich um eine unerlässliche Bedingung für das Vorhandensein der Wirtschaft mit geschlossenem Kreislauf,“ betont er.

„Globale Megatrends und nicht die COVID-19 Krise werden über die Art und Weise der Gestaltung der Produktionsportfolios in den petrochemischen Gesellschaften entscheiden, obwohl das Potential der Diversifikationen nicht unbegrenzt ist,“ sagt Czyżewski. „Die Welt braucht Materialien und Kohlenwasserstoffe sind hervorragend für deren Herstellung geeignet, deshalb wird sich die Petrochemiebranche weiter entwickeln und in einzelnen Branchen, wie zum Beispiel im Bauwesen, mit dem Angebot neuer Materialien Fuß fassen,“ fügt er hinzu. „Der Aufstieg zum höheren Level der Produktionskette ist nötig und vorteilhaft. Es ist aber nicht möglich, dass die ganze Branche auf die Erzeugung von Produkten mit dem höchsten hinzugefügten Wert umsteigt. Jemand muss die petrochemischen Basisrohstoffe herstellen. Auch hier ist Spielraum für tiefe technologische Änderungen. Die Tendenz führt zur Vielseitigkeit und Anpassung der Verwertung.

Die Fragen der Umwelt stellen für die petrochemische Branche im Hinblick auf den Charakter der erzeugten Produkte keine tödliche Drohung dar. Zusätzlich kann sie die Hauptrolle im Transformationsprozess der Wirtschaft in Richtung der nachhaltigen Entwicklung und des geschlossenen Kreislaufs dank den Neuentwicklungen und fortschrittlichen Produkten spielen,“ sagt Adam Czyżewski.

„Das Problem ist die wachsende Zahl der Menschen, für die die grundlegenden Lebensbedürfnisse sicherzustellen sind. Das ist mit der Steigerung der Nachfrage nach Materialien verbunden, die aus irgendetwas hergestellt werden müssen. Das Erdöl, dass nicht für den Verkehr genutzt wird, eignet sich hervorragend zu diesem Zweck, denn Erdöl ist genügend vorhanden,“ fügt er hinzu. „Außerdem haben die aus Erdöl hergestellten Materialen einen breiten Einsatzbereich, sowohl für bestehende, als auch ganz neue Zwecke. Sie beeinflussen den Klimawandel im geringeren Ausmaß, als andere Materialien. Es ist einfach notwendig, sich auf Neuentwicklungen zu konzentrieren, die dem Konzept der Wirtschaft mit geschlossenem Kreislauf entsprechen. Was für die petrochemische Industrie, ebenso wie für andere Industriezweige, die sich mit der Materialherstellung befassen, eine Herausforderung darstellt.

Eine von den Auswirkungen der Pandemie auf die europäische petrochemische Branche wird wahrscheinlich die Akzentuierung der lokalen Produktion sein,“ erläutert Dr. Czyżewski. „Das vorübergehende Abschalten der Wirtschaft hat auf die Schwäche bestimmter Lieferketten in der Petrochemie hingewiesen und die Abhängigkeit der Region vom Import bestimmter Rohstoffe offengelegt.“

„Ich bin der Meinung, dass das Organisationsmodell der Produktion ‚just in time‘ um das Modell ‚für alle Fälle‘ ergänzt wird, das die Attraktivität der nahen Produktionsstandorte erhöhen wird. Das stellt eine riesige Chance für die petrochemische Industrie in Europa dar,“ betont er. „PKN ORLEN ergreift diese Chance durch Erhöhung der Erzeugung von Produkten, bei denen unsere Region ein reiner Importeur ist, was die Basisvoraussetzung unseres Programms der Petrochemientwicklung darstellt. Unser Ziel ist, für die Abnehmer komfortable Zusammenarbeit mit einem zuverlässigen, lokalen und regionalen Lieferanten der petrochemischen Rohstoffe sicherzustellen. Unsere Investitionen werden den Grundstein der Entwicklung der chemischen Industrie in Polen und in ganz Mittel- und Osteuropa darstellen.

Die Branche hat auch die Bedeutung der nahen und vertrauenswürdigen Lieferantenbeziehungen und Erhaltung der starken finanziellen und logistischen Position für das Aufrechterhalten der Lieferketten besser begriffen,“ sagt Adam Czyżewski. „Wir haben uns überzeugt, dass manchmal die Qualität des Lieferanten ebenso wichtig ist, wie der Preis der Ware,“ sagt er. „In Zeiten der Pandemie hat sich erwiesen, dass Zuverlässigkeit und gute finanzielle Situation das A und O für die reibungslose Funktion zahlreicher Firmen ist. Die Pandemie hat offengelegt, dass die Rolle der Distributions- und Logistikstruktur viel wichtiger ist, als früher angenommen wurde und dass wir in strategisches logistisches Aktivvermögen investieren sollten.

Kunststoffe werden auch weiterhin in Europa die Hauptrolle spielen, auch im Hinblick auf den allseitigen Einsatz und Möglichkeiten der Anpassungen dem konkreten Bedarf,“ erläutert Dr. Czyżewski. „Meiner Meinung nach sollte Europa zu Kunststoffen keine dogmatische Einstellung haben und diese als Einverleibung des Bösen betrachten,“ fügt er hinzu. „Unsere Zivilisation ist auf Kunststoffen aufgebaut, da es das beste Material ist, das wir kennen. Die Flexibilität ihrer Anwendung war der Motor für die Entwicklung der Petrochemie.

Ihre lange Haltbarkeit in Verbindung mit dem linearen Herstellungsmodell (herstellen, verkaufen, benutzen und wegwerfen) führte zu der Kunststoffkatastrophe,“ sagt Adam Czyżewski. „Die Lösung des Problems stellt nicht der Verzicht auf Kunstostoffe dar, sondern deren Produktion im geschlossenen Zyklus, im Rahmen der Kreislaufwirtschaft,“ schließt er ab.
______________________________________________________

 
[1]
Die Europäische Petrochemiassoziation (EPCA) ist eine internationale gemeinnützige Gesellschaft (mit Sitz in Brüssel), die das wichtigste europäische Handelsnetz für globale Gesellschaften der petrochemischen Unternehmen ist. EPCA betreut mehr als 700 Mitgliederfirmen aus 54 verschiedenen Ländern, deren Gesamtumsatz 4,7 Billionen Euro überschreitet. Mit mehr als fünfzig Jahren Erfahrungen agiert EPCA als Dienstleistungserbringer für ihre Mitgliederfirmen. EPCA ist Veranstalter von Aktionen in Europa und bietet ihren Mitgliedern weltweit die Möglichkeit, führende Repräsentanten der Branche und ausgewählte externe Interessenten zu treffen und Änderungen auf dem internationalen Markt zu verfolgen, einschließlich der technologischen und gesellschaftlichen Trends. EPCA hilft den Mitgliedern auch, sich in bestimmten Themenkreisen zu orientieren, die das Fundament für die nachhaltige Entwicklung der weltweiten petrochemischen Industrie bilden.



Adam Czyżewski

Adam B. Czyżewski, Ph.D., ist seit 2007 Chefökonom bei PKN ORLEN. Er ist Spezialist für Veränderungen in dem weltweiten Energiesektor, die aus Wirtschaftspolitik und revolutionären Innovationen resultieren

EMPFOHLEN



TAGS