Let's talk about it

Let’s talk about: Lebenszyklusanalyse mit Vladimír Kočí

Gewöhnlich glauben wir, dass unser Verhalten die Probleme der globalen Welt nicht grundlegend beeinflussen kann. Haben jedoch unsere Alltagsgewohnheiten größere Auswirkungen, als wir denken? Inwieweit beeinflussen unsere individuellen Entscheidungen die Qualität unserer Umwelt und wie bringen wir dies in Erfahrungen? Michael Londesborough traf sich mit Vladimír Kočí, dem Dekan der Fakultät für Umweltschutztechnologie der TU Prag, um sich darüber zu unterhalten, auf welche Weise eine Studie zur Lebenszyklusanalyse die tatsächliche Macht einer individuellen Wahl aufdeckt und den Verbrauchern bei besseren Kaufentscheidungen hilft.

ML (Michael Londesborough): Welchen ökologischen Fußabdruck hinterlässt der Durchschnittstscheche?

VK (Vladimír Kočí): Wir sitzen im Café Kabinet und ich denke über meine alltäglichen Verbrauchsgewohnheiten nach. Meinen Tag beginne ich mit dem Wasserkochen für den Tee, dann mache ich mir Frühstück und muss mit irgendeinem Verkehrsmittel zur Arbeit kommen. Und das ist erst der Morgen. Als ich in der Vergangenheit darüber nachdachte, begann ich, die Verbrauchsgewohnheiten eines durchschnittlichen tschechischen Bürgers zu reflektieren. Dies führte mich dazu, eine Studie mit einem meiner Hochschulstudenten durchzuführen. Wir begannen, Daten aus einer Reihe von Industriebranchen wie Energieerzeugung, Energietransport, Lebensmittelherstellung, Abfallbehandlung und Bauwirtschaft zu sammeln, und schließlich erhielten wir ein breites Datenspektrum zur Auswertung.

Wir waren überrascht, als wir feststellten, dass einige Bereiche, wie die Abfallbehandlung oder der Individualverkehr, über die in den Medien viel gesprochen wird, in Wahrheit nicht so wichtig sind, wie man sagt. Sie haben gewisse Auswirkungen, aber im Vergleich zur Energieerzeugung und zur Lebensmittelherstellung sind diese Auswirkungen relativ gering. Auf der anderen Seite setzt die Energie- und Stromerzeugung eine relativ große Menge an Emissionen frei und bringt erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt mit sich. Dies geht Hand in Hand mit dem Verbrauch. Die Energiemenge, die wir verbrauchen, bestimmt die Energiemenge, die wir erzeugen müssen, und infolge dessen auch die Menge der Emissionen, die wir freisetzen.

ML: Wenn ich mich nicht irre, werden etwa 50 % unserer Energie in der Tschechischen Republik durch die Verbrennung von Kohle erzeugt. Sollten wir den Energiemix ändern und die Erzeugung von Kernenergie unterstützen? Oder sollten wir eher auf Methoden schauen, wie wir unseren Fußabdruck senken und eine geringere Energiemenge verbrauchen können?

VK: Es sind beide Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Wir müssen den persönlichen Energieverbrauch senken. Dies können wir mittels energieeffizienterer Entwürfe von Produkten und durch die Änderung unserer Verbrauchergewohnheiten erreichen. Die meisten Tschechen haben es zum Beispiel zu Hause gern wärmer als dreiundzwanzig Grad, was eine unnötig hohe Temperatur ist. Wenn wir sie um nur zwei Grad senken, können wir relativ viel Energie sparen. Auch solche kleinen Veränderungen können von großer Bedeutung sein.

ML: Lässt sich zum Beispiel bestimmen, wie viel schädlicher die Energieerzeugung mithilfe der Kohleverbrennung gegenüber der Kernkraft ist?

VK: Das ist nicht so einfach und eindeutig, aber wir können uns eine allgemeine Vorstellung machen. 

ML: Was deuten Ihre Daten an, wenn es ums Essen geht?

VK: Diese Frage betrifft nicht nur die Umwelt; dies ist auch eine Frage der Ernährungsqualität. Wir können nicht nur Essen zu uns nehmen, das geringe Auswirkungen auf die Umwelt hat; wir müssen auch seinen Nährwert abwägen. Generell essen wir jedoch viel mehr als wir benötigen und die Zusammensetzung der Lebensmittel ist nicht ideal. Ein hoher Prozentsatz tschechischer Männer und Frauen hat leichtes Übergewicht. Männer und Frauen wiegen mehr, als was als gesund gilt. Es geht also nicht nur um die Umwelt, sondern auch um die physische Gesundheit. Manchmal schauen wir nur auf den Preis, aber billiges Essen ist für unsere Gesundheit nicht immer das Beste. Der Kauf billiger Lebensmittel führt häufig zum Kauf einer unnötig großen Menge von Lebensmitteln. Es ist besser weniger zu essen, dafür aber qualitativ hochwertiger. 

ML: Hat Sie bei der Lebenszyklusanalyse etwas überrascht?

VK: Wir sind auf eine Reihe interessanter Momente gestoßen. Einer meiner Studenten hat neulich zum Beispiel die Auswirkungen neuer Technologien zur Abwasserreinigung bewertet. Auf den ersten Blick gibt es viele innovativere und effizientere als die derzeitigen Technologien. Die Lebenszyklusanalyse zeigte jedoch, dass ihre Gesamtauswirkungen auf die Umwelt im Grunde dieselben sind. Der übliche Trend, den wir verzeichnet haben, ist, dass wir bei Versuchen, unsere Umwelt zu verbessern, gewöhnlich drei Fehler machen. Der erste von ihnen ist, dass wir uns lediglich um eine lokale Verbesserung bemühen – wir lösen das Problem lediglich auf der lokalen Ebene. Das zweite Problem ist, dass wir ein Problem nur vorübergehend lösen. Deponien sind ein perfektes Beispiel. Wenn wir eine Deponie schaffen, vergessen wir, was in einigen Jahren oder Jahrzehnten passieren wird. Aber nach einiger Zeit beginnt die Deponie zu lecken und so gelangen Giftstoffe in die Umwelt. Das dritte Problem ist, dass wir versuchen, ein Umweltproblem zu lösen, aber gleichzeitig ein anderes Problem schaffen. Wir könnten zum Beispiel erfolgreich die Emissionen senken, aber letztlich würden wir gleichzeitig giftigere Stoffe erzeugen, sodass wir das Problem wieder nur verlagern.

ML: Das bedeutet, dass wir, um wirksame Lösungen finden zu können, in stärkerem Maße Verbundansätze benötigen. Derzeit konzentrieren wir uns vor allem auf den Gedanken der Kreislaufwirtschaft – das Verständnis des tatsächlichen Werts der Ressourcen und die Suche nach besseren Methoden, wie dieser Wert in den Zyklus zurückgeführt werden kann. Den Werkstoffen, Kunststoffen und insbesondere den Verpackungen widmen wir eine enorme Aufmerksamkeit. Wie sehen Sie das Verpackungsproblem?

VK: Wenn ich mich in einigen Sätzen äußern sollte, wäre es so, dass ich Kunststoffe mag, da es sich um einen komplexen Werkstoff handelt, der sich in einer Reihe von konkreten Fällen gut einsetzen lässt. Das Hauptproblem sind Einwegkunststoffe, da diese überflüssig sind. Ich weiß, dass es in einigen Bereichen, wie die Verpackung von Lebensmitteln, insbesondere von Milchprodukten, nicht einfach ist, andere Möglichkeiten zu finden, aber generell sind Einwegkunststoffe problematisch. Wir sollten versuchen, dies zu ändern. Derzeit konzentrieren wir uns in erheblichem Maße auf die Abfallbehandlung, auf das Recycling, auf die Verwertung von Kunststoffabfällen. Das ist einer der Schritte, den wir heutzutage tun sollten, aber generell sollten wird uns vor Einwegkunststoffen hüten.

ML: Aber wie ich bereits erwähnte, der Ersatz von Einwegkunststoffverpackungen durch andere Materialien, zum Beispiel durch Parier, trägt eigene Kosten – insbesondere die bei der Herstellung erforderliche Energiemenge. Die Lebenszyklusanalyse deutet an, dass dies nicht so einfach ist.

VK: Das ist einer der Gründe, warum ich begonnen habe, auf diese Weise nachzudenken. Ich habe eine Studie zur Lebenszyklusanalyse durchgeführt, die Plastiktüten mit Papiertüten verglichen hat. Papiertüten werden als „umweltschonend“ bezeichnet, weil Papier ein natürliches Material ist, das sich in der Umwelt schnell zersetzt. Die Papierherstellung ist jedoch sehr energieaufwendig. Wir verlagern also lediglich die Auswirkungen auf die Umwelt – von der Abfallbehandlung in die Phase der Produktion. Plastiktüten sind während der Produktion die bessere Variante, aber ein Problem stellen sie am Ende des Lebenszyklus dar. Als ich sie verglichen habe, habe ich festgestellt, dass jede in unterschiedlichen Phasen des Lebenszyklus konkrete Auswirkungen auf die Umwelt hat. Als ich alles zusammengerechnet hatte, zeigte sich, dass das Endergebnis im Grunde dasselbe ist. Also ist keine der Möglichkeiten die Lösung – wir brauchen eine dritte Möglichkeit. In diesem Fall einen Stoffbeutel.

ML: Wenn Sie Ihre ganze Arbeit nehmen und die Studien zur Lebenszyklusanalyse verwenden, können Sie dann zusammenfassen, welche Veränderungen wir vorrangig vornehmen müssen und auf welche Art und Weise diese Veränderung zu kommunizieren ist?

VK: Zunächst sollten wir die Daten auf weitere Bereiche ausdehnen und uns nicht nur auf ein konkretes Thema konzentrieren. Wir müssen alles zusammenfassen und einen ganzheitlichen Ansatz wählen. Als Verbraucher sollte ich über alle Produkte, die ich im Laufe des Jahres konsumiere, nachdenken und beurteilen, in welchen Bereichen es zu einer Verbesserung kommen könnte. Es genügt nicht zu sagen: „die Abfallbehandlung hat Auswirkungen auf die Umwelt, wir müssen das System der Abfallbehandlung verbessern.“

ML: Das heißt, dass wir bei uns selbst anfangen müssen. Wir können nicht warten, bis dies die Regierung oder Unternehmen für uns tut. Ist das richtig so?

VK: Ja. Wir sollten von unten nach oben vorgehen. Die Menschen müssen ihre eigene Einstellung ändern. Wir können das Leben genießen und gleichzeitig unseren Verbrauch senken. Ich bin Realist. Ich erwarte nicht, dass Unternehmen oder Politiker auf oberster Ebene eine Veränderung bewirken. Die mögen den Status quo. Ihre Geschäftsmodelle passen perfekt in dieses System. Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir dies von Grund auf tun.

Um dies zu erreichen, benötigen wir leicht verfügbare Informationen über die Produkte, die wir kaufen. Wir müssen ein leicht verständliches System der Umweltkennzeichnung schaffen. Zunächst müssen wir alle Bürger in das Problem einbeziehen und sobald dies geschehen ist, müssen wir Ihnen den Zugang zu den unerlässlichen Daten gewähren.

ML: Wenn wir beispielsweise ein Verbrauchsgerät kaufen, gibt es einen Farbcode, der kennzeichnet, wie sparsam und umweltschonend das Produkt ist. Ich denke, dass diese Tatsache einen enormen Einfluss auf den Verbraucher hat und ihn bei seinen Entscheidungen motiviert, welches Produkt er kaufen soll. Vielleicht sollten wir ein ähnliches System beim Obst und Gemüse einführen – die Informationen bezüglich der Lebenszyklusanalyse leicht zugänglich machen, damit die Verbraucher bei jedem einzelnen Produkt, das sie kaufen, sehen, welche Auswirkungen es auf die Umwelt hat. Ist das realisierbar?

VK: Ja. Und die Europäische Kommission arbeitet bereits an einem solchen Ansatz. Das ist nicht einfach, denn die Auswirkungen auf die Umwelt lassen sich nicht anhand einer einzigen Zahl festmachen. Die „Umwelt“ können wir nicht mit einem Radar oder einer Art Fingerabdruck messen, da es viele Bereiche gibt, die wir in Betracht ziehen müssen. Verschiedene Produkte beeinflussen verschiedene Bereiche. Wir müssen Faktoren wie die globale Erwärmung, die Toxizität, die Bodenversauerung, die Eutrophierung und weitere Faktoren in Betracht ziehen. Derzeit haben wir etwa zehn Hauptprobleme im Umweltbereich und es ist nicht leicht, diese auf lediglich eine Zahl einzuengen. Und wenn wir jedem Produkt fünf Zahlen beifügen, wird das für den Durchschnittsverbraucher zu kompliziert.

ML: Versuchen Sie mit Ihrer Arbeit, dies für die Öffentlichkeit einfacher zu machen, dass sich der Durchschnittsverbraucher informiert entscheiden kann?

VK: Für diesen Zweck ist der CO2-Fußabdruck akzeptabel. Das ist nicht perfekt – damit hängen gewisse Probleme zusammen, aber insbesondere, wenn es um die Tschechische Republik geht, ist dies eine recht gute Kennzahl. Es geht nicht nur um den Klimawandel, um die globale Erwärmung, sondern auch um die Abhängigkeit eines Produkts von der fossilen Wirtschaft. Mit der fossilen Wirtschaft Hand in Hand gehen die toxischen Auswirkungen wie die Bodenversauerung. Diese Art der Wirtschaft hat größere Auswirkungen auf die Umwelt als nur die globale Erwärmung.

ML: Herr Professor, Sie arbeiten an einer Universität, Sie sind von jungen, intelligenten Menschen umgeben. Sehen Sie die Zukunft optimistisch?

VK: Ja. Die junge Generation ist ganz anders als wir. Sie sind an einen extrem schnellen Informationsaustausch gewöhnt und infolge dessen sind sie viel stärker in das Alltagsleben eingebunden als wir. Die ältere Generation ist viel konservativer; die jüngere Generation ist flexibel. Ich bin nicht mit einigen ihrer Aktivitäten einverstanden, die den Klimawandel betreffen, da es nicht so einfach ist, wie es scheint, aber mir gefällt ihr Aktivismus und dass sie bereit sind, ein Bestandteil der Welt zu sein. Sie sind viel weniger skeptisch und zynisch als die ältere Generation. Viele meiner Studenten sind bei der Wahl ihrer Forschungsthemen sehr aktiv und wollen wirklich Dinge studieren, die für uns alle von Bedeutung sein werden.

ML: Herr Professor, mit dieser optimistischen Botschaft würde ich mir erlauben, unser Gespräch zu beenden. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch und für Ihre Meinungen und Wahrnehmungen.