Let's talk about it

Let's talk about waste as resource / with Cyril Klepek

ML (Michael Londesborough): Der heutige Gast ist Cyril Klepek, ein innovativer Ökonom, der vielen Unternehmen bei der Umstellung in die Kreislaufwirtschaft hilft. Er interessiert sich auch für die Abfallwirtschaft und ist Gründer der sekundären Ressourcenplattform „Cyrkl“.

Viele glauben, dass der Weg in eine nachhaltige Zukunft in der Verlagerung in Richtung einer Kreislaufwirtschaft liegt. Welche Rolle spielen Sie bei dieser Umstellung?

CK (Cyril Klepek): Ich bin ein Innovator, der sich auf die Kreislaufwirtschaft spezialisiert hat, und sehe für viele Unternehmen ein enormes Potenzial bei der Umstellung von traditionellen hin zu mehr kreislauforientierten Geschäftsmodellen. Viele Unternehmen sind bestrebt, mit der Umstellung zu beginnen, wenn sie sich der sich verändernden wirtschaftlichen Landschaft bewusst werden. Mein Ziel ist es, ihnen dabei zu helfen, geeignete neue Geschäftsmodelle zu finden, und ihnen vielleicht beim Konzipieren neuer Produkte zu helfen, die möglicherweise aus „Abfällen“ entstehen.

ML: Unternehmen sind also an einer Umstellung zu einer Kreislaufwirtschaft interessiert, wissen aber noch nicht genau, wie das geht...

CK: Richtig. Ich wurde von den Geschäftsführern vieler großer Unternehmen eingeladen, um mögliche Chancen für ihr Unternehmen im Rahmen eines Kreislaufwirtschaftsmodells zu besprechen. Es ist ein ziemlich weites Aufgabenfeld, und es gibt verschiedene Aspekte zu berücksichtigen, einschließlich Digitalisierung, Abfall, Umstellung von Geschäftsmodellen und vieles mehr. Eine Kreislaufwirtschaft umfasst sieben Prinzipien und jedes Unternehmen kann mindestens eine finden, die sie auf ihre Bedürfnisse anpassen kann.

ML: Können wir das wirtschaftliche Potenzial einer vollständigen Umstellung zu einer Kreislaufwirtschaft in einem Geldbetrag ausdrücken?

CK: Gemäß einer Studie von McKinsey können durch die Optimierung von Prozessen zur Senkung des Energieverbrauchs, die Schaffung neuer Produkte und die Einführung andersartiger Geschäftsmodelle zur Generierung von Einnahmen Milliarden von Euro gewonnen werden. Wenn Sie beispielsweise ein zirkuläres Produkt haben, können Sie möglicherweise nicht jedes Jahr ein neues verkaufen, stattdessen könnten Sie es vermieten und ein Stundenhonorar erheben. Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Wir können erwarten, dass mit dieser Umstellung neue Lieferformen, Millionen neuer Arbeitsplätze und eine recht große Geldsumme einhergehen.

ML: Neue Arbeitsplätze, neue Möglichkeiten…. auch neue Unternehmen? Erwarten Sie neue Fachunternehmen, die sich mit bestimmten Teilen der Kreislaufwirtschaft beschäftigen?

CK: Allerdings. Ich habe bereits spezielle Start-ups gesehen die auftauchen. In diesem Bereich suchen auch etablierte Unternehmen nach Möglichkeiten. Viele suchen nach Wegen, aus dem, was früher als Abfall galt, einen Wert zu schaffen. Große Unternehmen implementieren Wege zur Optimierung ihrer Geschäftsmodelle. Es gibt viele Möglichkeiten für Start-ups, große Unternehmen und mittelständische Unternehmen gleichermaßen. Jede Branche ist verschieden, daher ist es wichtig sich in den Kontext des jeweiligen Unternehmens zu vertiefen und darüber nachzudenken, aber die Gelegenheit dazu ist da.

ML: Lassen Sie uns ein bisschen über die Abfallwirtschaft sprechen. In England sagen wir „Dem einen sein Abfall, ist dem anderen sein Schatz“. Eine Idee, die dem Wert gibt, was vorher als wertlos erachtet wurde, schafft eine Win-Win-Situation. Was passiert heute in der Tschechischen Republik in Bezug auf die Abfallbewirtschaftung, und was machen Sie speziell in diesem Bereich?

CK: Die Abfallwirtschaft befindet sich in einem Übergang. Heute sehen wir den Abfall im Allgemeinen als Problem und zahlen den Entsorgungsunternehmen eine ganze Menge Geld um ihn loszuwerden. Die Zukunft wird anders sein – wir werden Abfall eher als Ressource betrachten.

Deshalb habe ich die Ressourcenplattform „Cyrkl“ gegründet. Viele Unternehmen verändern heute ihre Sichtweise hinsichtlich des Abfalls und überlegen, ob ein anderes Unternehmen vielleicht etwas Wertvolles aus ihrem Abfallmaterial machen kann. Hoffentlich wird Cyrkl eine Rolle in dieser sich verändernden Wertschöpfungskette spielen.

ML: Sie haben also wirklich einen Online-Marktplatz geschaffen. Wie funktioniert das?

CK: Wir ordnen ein Unternehmen, das Abfall erzeugt, einem anderen Unternehmen zu, das diesen Abfall verwenden kann, um etwas Neues zu machen. Beispielsweise erzeugt ein Unternehmen zwei Tonnen Kunststoffabfall pro Monat, während ein anderes Unternehmen nach Kunststoffmaterial sucht um Möbel herzustellen. Beide Parteien können zu meiner Plattform kommen und ich werde sie aufeinander abstimmen. Unternehmen B, welches das Material benötigt, findet Unternehmen A, welches es als Abfall erzeugt, und nimmt es ihnen ab. Auf diese Weise können wir das Material verwerten, und vermeiden, es auf einer Deponie zu entsorgen.

ML: Wer legt den Preis in diesem Markt fest? Ist es ein Modell des freien Marktes, bei dem der Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird? Oder beziffert jemand einen Mindestpreis für all das?

CK: Heute müssen sich die beiden Unternehmen auf ein bestimmtes Preisniveau einigen. Ich hoffe, dass es in Zukunft einen Festpreis für ein bestimmtes Material gibt, ähnlich wie beispielsweise beim Londoner Devisenmarkt. Das Ziel ist es, einen transparenten, demokratischen Markt zu schaffen, da mangelnde Transparenz, besonders in der Abfallwirtschaft, ein Problem darstellt.

ML: Ist der Markt möglicherweise international? Oder ist er beschränkt? Was sagt die Gesetzgebung dazu?

CK: Wir werden in Zukunft international offen sein, aber jeder Staat in der Europäischen Union hat eine unterschiedliche Gesetzgebung, so dass dies in Betracht gezogen werden muss. Es ist auch immer besser, mit Abfällen auf lokaler Ebene umzugehen. Die Lieferung von Abfällen beispielsweise von Prag nach Spanien würde eine unnötige Quelle für CO2 und andere Emissionen erzeugen. Der Markt ist also lokal, aber sozial ist er weltweit skaliert.

ML: Das ist ein guter Punkt. Während das Prinzip ziemlich einfach ist, gibt es in der Realität viele Aspekte, die berücksichtigt werden müssen. Dinge wie Transport, CO2-Emissionen und andere tangentiale Überlegungen müssen berücksichtigt werden. Man muss wirklich darüber nachdenken, wie dieser Markt am besten funktioniert. Soll der Markt Geld und Gewinn generieren, oder soll er die Nachhaltigkeit und den gesamten zirkulären Ansatz unterstützen? Wer bestimmt den Zweck des Marktes?

CK: Es wird keine Person sein; es wird der Markt sein. Um eine transparente Preisgestaltung zu erreichen, muss die Abfallwirtschaft Marktverhalten haben. Das heutige Geschäft ist voller Mittelsmänner und einer Reihe von verschiedenen Händlern. Infolgedessen ist das ganze Geschäft zwielichtig. Wir wollen diese beiden Parteien ohne einen Mittelsmann einander zuordnen und somit die Markttransparenz erhöhen.

ML: Kehren wir zu den Deponien zurück, einer offensichtlichen Konkurrenz. Für Unternehmen stellt sich die Frage, ob sie ihren Abfall auf eine Deponie, oder stattdessen auf ihren Markt bringen. Wie einfach ist es für die Menschen, ihren Abfall auf Deponien zu entsorgen? Wie verantwortungslos ist das und können wir es ändern?

CK: In der Tschechischen Republik produzieren wir 34 Millionen Tonnen Abfall pro Jahr. Im Hinblick auf die Siedlungsabfälle wissen wir, dass 45 % davon auf Deponien gebracht werden. Mittlerweile könnten 80 % dieses Materials recycelt werden, was nicht an der mangelnden Markttransparenz liegt. Wir haben auch sehr niedrige Deponiegebühren von nur 500 Kronen pro Tonne, so ist für die Unternehmen die einfachste Möglichkeit mit Abfällen umzugehen, diese nur zu deponieren. Das müssen wir ändern.

ML: Wie verhält sich das im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn?

CK: Das variiert erheblich zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil. Im Westen beträgt der Prozentsatz an Deponiertem nahezu Null. Im Osten ist es noch beträchtlich mehr.

ML: Liegt das daran, dass die Deponierung hoch besteuert, und daher äußerst teuer ist? Ist das der Schlüssel?

CK: Das ist einer der Gründe.

ML: Also ist es einfach eine äußerst hohe Deponiesteuer festzulegen, und, aus rein wirtschaftlichen Gründen, entscheiden sich Unternehmen nicht zu deponieren? Oder werden die Menschen immer bewusster und möchten diese Änderung vornehmen, und lieber zum Recyceln übergehen?

CK: Es gibt zwei treibende Kräfte. Zum einen wissen wir, wie schrecklich Deponien sind. Sie riechen, sie verschmutzen unser Wasser, sie sind einfach schrecklich. Ich würde sagen, dass die Menschen im Westen sich dessen bewusster sind und nicht möchten, dass Deponien ihre Umwelt verschmutzen. Das ist eine Sache – sie sind sich sehr bewusst, wie schrecklich es für die Umwelt ist. Der zweite Grund ist, dass die Gebühren für die Deponierung viel höher sind. Dies motiviert die Recyclingindustrie in neue Technologien zu investieren. Wenn wir den Preis in der Tschechischen Republik von 500 Kronen auf mindestens sieben- oder achthundert erhöhen würden, würde sich auch die Investition in neue Recyclingtechnologien auszahlen. Wir brauchen eine solche Erhöhung.

ML: Das ist nur eine Steigerung von sechs Prozent gegenüber dem aktuellen Preis. Warum machen wir das nicht?

CK: Viele der Unternehmen sind bereit. Die Geschäftspläne sind fertig, die Technologie ist fertig und sie warten nur darauf. Das Problem ist, dass viele Abfallentsorgungsunternehmen einen Weg gefunden haben, mit Deponien auf einfache Weise viel Geld zu verdienen. Diese Unternehmen haben eine sehr starke Stimme im Parlament und sind somit bei der Beeinflussung der Politik sehr effektiv. Wir als Gesellschaft müssen uns zusammenschließen und uns widersetzen, dass wir nicht wollen, dass Deponien ein Teil unserer Wirtschaft und unserer modernen Gesellschaft sind.

ML: Haben Sie das Gefühl, dass es sich ändert? Haben wir im Hinblick auf das Recycling eine erfolgreiche Zukunft vor uns?

CK: Ich habe ein gutes Gefühl. Eine stetig zunehmende Zahl von Menschen ist sich des Problems, den Veränderungen in der Natur und dem Klima, bewusst und möchte Produkte aus recycelten Materialien kaufen. Es ändert sich, aber es ändert sich langsam.

ML: Lassen Sie uns über einige spezifische Materialien sprechen. Für welche Materialien sehen Sie eine erfolgreiche Zukunft im Hinblick auf das Recycling? Mit welchen Materialien wird es schwieriger?

CK: Es kommt auf Angebot und Nachfrage an. Beispielsweise sehen wir derzeit einen Mangel an Kies und Sand in der Bauindustrie. Dieses Material macht etwa 60 % der Deponien aus. Für die Abfallentsorgungsunternehmen ist dies eine gute Gelegenheit. Derzeit versuchen sie herauszufinden, wie sie es extrahieren können, damit sie es verkaufen können. Es gibt also ein enormes Potenzial für Baumaterialien. Kunststoff, insbesondere Polyethylen hoher Dichte und ähnliche hochwertige Materialien, bietet ebenfalls Potenzial. Ich würde sagen, dass sich Unternehmen im Allgemeinen des Potenzials dieser Materialien bewusster werden, insbesondere wenn eine Konjunkturabschwächung eintritt. Zu diesem Zeitpunkt werden immer mehr Unternehmen darüber nachdenken, ihre Abfallmaterialien zu verkaufen, anstatt diese wegzuwerfen.

ML: Also Baumaterialien wie Sand und Zement und auch Kunststoffe. Sie erwähnten Polyethylen hoher Dichte, das hochwertig ist. Mit jedem Zyklus oder Recyclingvorgang verschlechtert sich jedoch die Qualität des Materials. Versteht dieser Markt und diese Wirtschaft das? Dass es nicht zwangsläufig die Materialeigenschaften des Neuprodukts erhält, und dass es diese geringfügige Qualitätsminderung auffangen muss...

CK: Wir sind uns bewusst, dass Neumaterialien ein anderes Qualitätsniveau aufweisen als Sekundärmaterialien. Nehmen Sie die Bauwirtschaft. Beim Bau einer Brücke gibt es bestimmte Teile, in denen Sie definitiv keine Sekundärmaterialien verwenden sollten. Hingegen gibt es andere Bereiche, möglicherweise Teile einer Autobahn, in denen Sie sehr einfach recycelte Materialien einsetzen können. Auch prüfen wir diese Materialien und wir wissen, dass die Qualität nahezu gleich ist.

ML: Ist die Gesetzgebung darauf vorbereitet? Beispielsweise gab es kürzlich in Großbritannien einige unglückliche Bauprojekte. Am Ende stellte sich heraus, dass es daran lag, dass sie geringere Qualität, minderwertige Materialien verwendeten. Sicherlich muss es irgendeine Gesetzgebung geben, die einen Rahmen schafft, für welche Anwendungen Recyclingmaterial zulässig ist, und wo sie von fabrikneuer Qualität sein müssen.

 CK: Im Tschechischen gibt es eine Aktivität, die Zelené Zadávání [Grüne Zuordnung] bezeichnet wird, welche Gemeinden und weitere große Unternehmen darüber informiert, zu welchem Zweck sie diese Art von Materialien verwenden können. Langsam werden wir uns der potenziellen positiven Aspekte von recycelten Materialien bewusster.

ML: Schafft Ihr Marktplatz neue Unternehmen, die diese gebrauchten Materialien verwenden? Sehen Sie viele Nutzer, die dieses Material kaufen und damit etwas Innovatives machen?

CK: Wir sind erst seit kurzer Zeit da, daher sind wir noch nicht im Begriff neue Unternehmen zu gründen, aber viele Unternehmen fangen an, auf diese Weise zu denken. Beispielsweise, Brokis ist ein Unternehmen das Glas herstellt. In der Vergangenheit haben sie ihr zerbrochenes Glas auf Deponien abgeladen. Nun aber haben sie ein neues Unternehmen mit dem Namen „Broken Glass“ gegründet und kreieren hochwertige Designprodukte aus den ehemaligen Abfällen. Es ist ein brandneues Konzept und die Produkte sind ziemlich teuer, aber die Leute kaufen sie, da sie fantastisch aussehen und eine Geschichte dahinter steckt. Durch den Kauf des Produkts werden sie in eine Geschichte eingebunden. Das wird für die heutigen Kunden zunehmend wichtiger. Sie kaufen nicht nur Sachen; sie wollen eine Erfahrung machen. Sie wollen Teil einer Geschichte sein.

ML: Merken Sie das allgemein auf dem Markt? Sind die Leute bereit, extra zu bezahlen, um Teil einer Geschichte zu sein? Um in diese zirkulare Bewegung einzusteigen, anstatt nur den Preis unter dem Strich zu betrachten?

CK: Es ändert sich. Eine Studie, die vor einigen Wochen veröffentlich wurde, gelangte zu dem Schluss, dass im vergangenen Jahr 46 % der Menschen mindestens ein umweltfreundliches Produkt gekauft haben. 68 % sind bereit, mehr für ein Produkt zu bezahlen, das diese Erfahrung umfasst und eine positive Umweltauswirkung hat. Das ist wirklich eine Veränderung.