Let's talk about it

Let's talk about corporate circular symbiosis / with Carina Sundqvist

Heutiger Gast des Gesprächszyklus „Let’s talk about it“ ist Carina Sundqvist, eine schwedische Beraterin für Nachhaltigkeit, die Unternehmen beim Übergang auf die Kreislaufwirtschaft hilft. Michael spricht mit ihr über die Chancen, die ein solcher Wandel bietet.

Sind Unternehmen gewöhnlich schlecht über das Potenzial informiert, das der Übergang auf die Kreislaufwirtschaft bietet? Oder verstehen sie diese Problematik, benötigen aber Hilfe beim Übergang?

Die meisten Unternehmen verstehen die Chancen, die ein solcher Schritt bietet, wenn es jedoch um die Umsetzung geht, stoßen sie auf gewisse Schwierigkeiten. Häufig organisiere ich Workshops, wo wir über Methoden nachdenken, wie man diese Gedanken im Rahmen des Geschäftsmodells des gegebenen Unternehmens implementieren kann. Ein Unternehmen kann nicht alle Veränderung auf einmal vornehmen, es muss Schritt für Schritt vorgehen. Es gibt jedoch Hilfe. Zum Beispiel hat die Stiftung Ellen MacArthur Foundation das Netzwerk Circular Economy 100 Network gegründet, das eine Reihe von Weltunternehmen, wie IKEA oder H&M, einbindet, die mit dieser Stiftung bei der Durchführung einer Veränderung zusammenarbeiten.

Ist es erforderlich, dass Unternehmen ihr materielles Eigentumsrecht bewahren, damit dieses System funktioniert?

Ich denke nicht, dass es erforderlich ist, das Eigentumsrecht zu bewahren, wichtiger ist, Verantwortung für seine Produkte zu übernehmen.

In Schweden haben wir eine sehr gute Recyclinginfrastruktur. Wir sammeln bis zu 70 % sämtlichen Hausmülls, wir trennen ihn, aus Lebensmittelabfall produzieren wir Biokraftstoff für unsere Busse. Das beweist, dass man alles verwerten kann. Damit dies jedoch möglich ist, bedarf es einer Infrastruktur. Ich denke, dass Unternehmen bei der Umsetzung mit der Regierung zusammenarbeiten und so ihre Verantwortung dafür beibehalten können, was sie auf den Markt bringen.

Oft hören wir, dass man erheblich in die Infrastruktur investieren muss, um diese neuen Chancen zu ermöglichen. Dem würden Sie sicher beipflichten...

Ja. Ich denke, dass dies die Staaten und die Gemeinden finanzieren sollten. Die Unternehmen, die sich mit dem Recycling befassen, besitzen in Schweden die Gemeinden. Wir haben das Programm „Industriesymbiosen“ eingeführt, das Unternehmen hilft, bei Initiativen im Bereich der Kreislaufwirtschaft zu kooperieren zu beginnen. Das Programm ist durch die Symbiose in der Natur inspiriert, wo lebende Organismen ihre Quellen teilen. Unternehmen, Industriebranchen und Gemeinden können auf ähnliche Weise kooperieren.   

Wenn die Einbindung und die Kooperation die Basis sind, bedeutet dies, dass wir versuchen, die Vorteile von Netzwerken zu nutzen. Dies deutet den Bedarf an, künstliche Intelligenz und weitere Datensysteme effizienter zu nutzen. Begegnen Sie dem?

Sicher. Neulich habe ich einen Bericht der Stiftung Ellen MacArthur Foundation und der Beratungsfirma McKinsey über die Kooperation von künstlicher Intelligenz und der Kreislaufwirtschaft gelesen. Die künstliche Intelligenz ist hervorragend beim Erkennen und der Optimierung von Modellen, was uns helfen kann, den Übergang zur Kreislaufwirtschaft erheblich zu beschleunigen. Als zum Beispiel die Europäische Weltraumorganisation den 3D-Druck einer Legierung für die Verwendung in der Luft- und Raumfahrtindustrie realisieren wollte, aber nicht wusste, welche Art von Aluminium die beste wäre, nutzte man künstliche Intelligenz, um die Lösung zu finden. Anfangs gab es 10 000 Möglichkeiten. Mithilfe der künstlichen Intelligenz war man in der Lage, diese Möglichkeiten auf bloße einhundert einzuengen. Dies ist ein perfektes Beispiel, wo künstliche Intelligenz zum Finden von Modellen und zur Bestimmung der richtigen Instrumente für eine gegebene Aufgabe genutzt wurde.

Können Sie ein Beispiel eines Unternehmens nennen, das einen solchen Übergang bereits realisiert hat? Was hat man dadurch gewonnen und was hat man verloren?

Das schwedische Unternehmen Houdini, eine Marke für Outdoor-Austattung, erfüllt sämtliche Voraussetzungen eines Unternehmens, das gut auf dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft funktioniert. Zunächst verkauft man dem Kunden Outdoor-Bekleidung. Sobald die Kunden diese nicht mehr verwenden, können sie diese der Firma Houdini zurückverkaufen, die diese dann einem anderen Kunden als getragene verkauft. Das Unternehmen leiht auch Bekleidung aus. Ich muss zum Beispiel keine eigene Skiausrüstung haben – ich muss sie mir nur einmal jährlich für eine Woche mieten. Das Unternehmen berät, wie man die Kleidung pflegt, damit sie in einem guten Zustand bleibt, und man hilft auch bei der Reparatur beschädigter Teile. Ganz am Ende des Lebenszyklus kann ich die Kleidung bei der Firma Houdini abgeben, wo sie zerschnitten wird und das gewonnene Material zur Herstellung eines neuen Produkts verwendet wird. Sie machen alle einzelnen Schritte der Kreislaufwirtschaft geltend und ihr Unternehmen ist erfolgreich.

Und was ist mit der harten Wirtschaft und dem letztlichen Gewinn? Haben Sie irgendwelche Nachteile beobachtet?

Sicher kann es diese geben – es handelt sich immer noch um einen Übergang. Diese Informationen habe ich nicht, also kann ich dazu nichts sagen. Aber die Firma hat viele Läden in ganz Schweden. Ich denke, es ist gut, dass Unternehmen einen solchen Ansatz vertreten, dass ihre Bemühungen nie enden. Das dies etwas ist, was wir ständig bewerten und verbessern. Ein weiteres Beispiel ist die Firma H&M, die sich jetzt ebenfalls dem Trend der Kreislaufwirtschaft angeschlossen hat. Sie konzentrieren sich auf sich schnell ändernde Modeware und als solche wollen sie stets eine große Menge an Bekleidung verkaufen. Vor kurzem kauften sie ein Unternehmen mit dem Namen Re:newcell, das sich mit dem Textilrecycling befasst. Sie nehmen zum Beispiel eine gebrauchte Jeans, zerschneiden sie und extrahieren ihre Cellulosefasern. Anschließend verkaufen sie diese Fasern an Unternehmen, die aus ihnen neue Bekleidung herstellen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Derzeit recyclen wir bereits eine recht große Menge an Materialien, wir erreichen allerdings keine allzu guten Ergebnisse beim Recycling von Textilien und Elektronik. Auf diese Bereiche sollten wir uns stärker konzentrieren.

Was die Elektronik betrifft, ist es wichtig, die Lebensdauer dieser Produkte so gut es geht zu verlängern. Wir sollten sie reparieren, sie wiederverwenden oder modernisieren – sie am Laufen halten. Erst ganz am Ende ihrer Lebensdauer sollten wir sie zerlegen und sie dem System zurückführen. Der Designgedanke auf der Grundlage der Kreislaufwirtschaft ist ebenfalls sehr wichtig. Wir müssen darüber nachdenken, wie die Werkstoffe im System zirkulieren werden und beim Entwurfsprozess damit rechnen. Sodass bereits vorab alles eingestellt ist. Und dies ist ein weiterer Bereich, in dem uns die künstliche Intelligenz helfen kann – herauszufinden, wie die einzelnen Komponenten eines Konzepts verlaufen sollten.

Gibt den Anstoß zu einer Veränderung gewöhnlich ein aufgeklärter Generaldirektor, der entschlossen ist, die Kreislaufwirtschaft durchzusetzen, oder gibt es Druck seitens der Verbraucher?

Ich denke, dass dies eine Kombination dieser beiden Faktoren ist. Jeder Generaldirektor, der sich ernsthaft mit dieser Problematik befassen wird, macht sich sämtliche Vorteile bewusst, und zwar sowohl für die Marke selbst als auch für die Gesellschaft. Im Rahmen der Kreislaufwirtschaft lassen sich viele Innovationen umsetzen.

Bei der Einführung der Kreislaufwirtschaft wird es wahrscheinlich Sieger und Verlierer geben. Wer wird Sieger und wer Verlierer sein?

Ihre Frage erinnerte mich an die Firma Spotify – den Anbieter von Musik in digitaler Form. Bevor die Firma Spotify existierte, hatten die meisten von uns Musik auf CDs, die aus Kunststoff gefertigt wurden und jede Menge Platz einnahmen. Heute genügt es, einfach die entsprechenden Daten abzusenden und wir können Musik aus aller Welt hören. Spotify ist ein sehr destruktives Unternehmen. Ich denke, dass wir Zeugen einer größeren Zahl solcher Veränderungen sein werden. Die Unternehmen müssen in Bereitschaft bleiben und sich dem anpassen, was um sie herum geschieht.

Es kann hier Verlierer geben, aber ich denke, dass wir alle Sieger sein können. Es geht um einen Gewinn für alle – die Kunden, die Unternehmen wie die Umwelt. Dieser Ansatz bietet echte Lösungen.